Leadership
Santa Meyer-Nandi mit Dr. Anna Katharina Meyer
In den letzten Monaten habe ich viel über Künstliche Intelligenz gesprochen – meist im Kontext von ESG, also Umwelt, Soziales und guter Unternehmensführung. Was mir dabei auffällt: Viele Menschen reagieren mit Faszination oder auch Unsicherheit, doch kaum jemand spricht offen über das strukturelle Unbehagen, das KI bei vielen auslöst.
Dieser Beitrag ist kein Call‑Out, sondern eine Art Call‑In – eine Einladung, gemeinsam hinzusehen. Denn wer heute über KI redet, muss auch über Ethik, Haftung, Verantwortung und systemische Fairness reden. Und über die Frage: Wer profitiert eigentlich – und wer trägt das Risiko?
Ob Datenschutz, Diskriminierung oder unklare Haftungsfragen – KI wirft eine Vielzahl rechtlicher Fragen auf. Zwar gibt es erste Regelungen, etwa die EU-KI-Verordnung oder das Lieferkettengesetz, doch sie erreichen in der Praxis oft nicht die strategische Tiefe, die nötig wäre.
Was mir fehlt: Eine klare Verankerung von KI-Governance auf Vorstandsebene – vergleichbar mit Cybersecurity oder Klimarisiken. Wer heute eine KI-Lösung einführt, sollte nicht nur auf Innovation setzen, sondern auch auf rechtliche und ethische Sorgfalt. Das gilt insbesondere für börsennotierte Unternehmen – aber auch für Kommunen und kleine Betriebe.
Was ich mir wünsche: Dass rechtliche Beratung nicht erst dann kommt, wenn ein Schaden entsteht, sondern von Anfang an co-kreativ gedacht wird – als ethischer Kompass und nicht als reaktive Pflicht.
Wir reden oft über KI, als wäre sie ein einzelnes Werkzeug. Doch in Wirklichkeit ist sie Teil eines viel größeren Geflechts – von Lieferketten über Energieverbrauch bis hin zu gesellschaftlicher Teilhabe. Wer also ethische Fragen zur KI stellt, muss auch das System anschauen, in dem sie eingesetzt wird.
Was ich sehe: Viele ESG-Berichte schweigen zur Rolle von KI – obwohl ihre Auswirkungen messbar wären. Energieverbrauch, Datenmengen, soziale Verzerrungen – all das lässt sich darstellen. Doch viele Unternehmen haben (noch) keine Kriterien, um KI entlang von Scope 1–3 zu bewerten.
Was ich erlebe: Eine neue Offenheit, genau das zu ändern. Es gibt erste Frameworks wie das „AI ESG Protocol“, das systemisch denkt und konkrete Handlungsfelder aufzeigt. Ich finde: Das ist ein Anfang.
Was in der öffentlichen Debatte oft untergeht, ist die Wirkung von KI auf unsere Psyche – und ganz besonders auf junge Menschen. Ob algorithmisch gesteuerte Feeds, Deepfakes oder scheinbar neutrale Empfehlungen: KI beeinflusst, was wir sehen, was wir glauben und wie wir uns selbst wahrnehmen.
Was mir Sorgen macht: Viele Jugendliche wachsen mit KI-Systemen auf, die subtil Erwartungen, Schönheitsideale und Lebensentwürfe mitsteuern – oft ohne dass es ihnen (oder uns Erwachsenen) bewusst ist. Die Folgen reichen von Selbstzweifeln bis zu Desorientierung in einer ohnehin komplexen Welt.
Was es braucht: Mehr Bewusstsein, mehr kritische Medienkompetenz, mehr Räume für Reflexion – in Schulen, in Familien, in der öffentlichen Debatte. Digital Literacy darf nicht bei Programmierkursen enden, sondern muss auch die ethischen, psychologischen und gesellschaftlichen Dimensionen von Technologie umfassen.
KI kann helfen, ESG-Ziele zu erreichen – etwa beim Monitoring von CO₂-Emissionen oder bei der Risikofrüherkennung in Lieferketten. Doch genau hier liegt die Gefahr: Wenn KI rein als „ESG-Enabler“ gefeiert wird, ohne ihre eigenen Risiken offen zu legen, droht Green- und Ethics-Washing.
Was ich glaube: Ethische KI ist kein „Add-on“ – sie ist integraler Bestandteil guter Unternehmensführung. Wer heute KI einsetzt, sollte offenlegen, welche Daten genutzt werden, wie Entscheidungen überprüft werden können und wo mögliche Verzerrungen auftreten.
Was ich fordere: KI-Ethik als festen Bestandteil von ESG-Strategien. Nicht als Lippenbekenntnis, sondern als strukturierte Praxis – mit klaren Prozessen, Verantwortlichkeiten und Berichterstattungspflichten.
Bestandsaufnahme:
Was wird bereits an KI eingesetzt – und von wem?
Wirkungsanalyse:
Wie wirkt KI entlang von Umwelt (z.B. Stromverbrauch), Sozialem (z.B. Bias, psychologische Effekte) und Governance (z.B. Transparenz)
Risikobewertung:
Welche rechtlichen, sozialen und ökologischen Risiken entstehen – und wie lassen sie sich minimieren?
Handlungsplan & Kommunikation:
Was sind die nächsten konkreten Schritte? Wer ist verantwortlich? Wie wird transparent kommuniziert?
Ich schreibe diesen Text nicht als IT-Expertin, sondern als Juristin, systemisch Denkende und Mitgründerin von FindingSustainia. Ich weiß, wie komplex die Debatten rund um KI, Ethik und Nachhaltigkeit sind – aber auch, wie wichtig es ist, nicht in Polarisierung zu verfallen.
Nehmt KI-Governance ernst – nicht als Technikfrage, sondern als ethische Führungsverantwortung.
Fordert Transparenz zu KI in ESG-Bewertungen ein. Es lohnt sich – auch finanziell.
Denkt KI-Regulierung mit sozialer Gerechtigkeit und Klimaschutz zusammen.
Sorgt für digitale Räume, in denen Kinder und Jugendliche lernen dürfen, kritisch zu denken – und ihre eigene Stimme zu behalten.
Bringt eure Stimmen ein – denn ethische KI braucht mehr als technische Expertise. Sie braucht Haltung.
Ethik ist nicht die Bremse von Innovation – ich sehe sie als ihre Reifeprüfung. Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, wo wir nicht nur klüger, sondern auch weiser mit Technologie umgehen lernen. Die Geschichte hat uns immer wieder gezeigt, wie gut mehr Weitsicht gewesen wäre.
Wenn du Lust hast, darüber ins Gespräch zu kommen oder Impulse für deine Organisation brauchst – melde dich gern bei Anna und mir.
Wir bei FindingSustainia begleiten genau solche Prozesse – mit Tiefe, Struktur und einer klaren Haltung:
In Vorfreude auf weiteren Austausch
Santa mit Anna
Autorin
Mit-Gründerin
Santa ist internationale Umweltjuristin, Leadership-Coach und Mitgründerin von FindingSustainia. Als Vorstandsmitglied des Climate Innovation Fund Stuttgart gestaltet sie systemische Strategien für skalierbare, regenerative Lösungen mit.
Ihre Arbeit verbindet Klimapolitik, emotionale Intelligenz und zyklisches Leadership, um Wandelträger:innen und Institutionen langfristig wirksam zu halten – auch inmitten von Komplexität und Krisen.
Unter dem Ansatz Be the System Shift™ begleitet sie gemeinsam mit Dr. Anna Katharina Meyer Programme, die Transformation auf individueller und systemischer Ebene ermöglichen – unter anderem mit Fortune-500-Unternehmen, der ESSEC Business School sowie Netzwerken des Club of Rome und SchuleWirtschaft.
Co-Autorin
Mit-Gründerin von FindingSustainia
Mit FindingSustainia steigert Anna die Wirksamkeit von Führungskräften in der nachhaltigen Transformation – durch starke Netzwerke, kollaborative Lösungsräume, Podcast-Impulse und Mastermind-Formate.
Anna ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Mitglied im DIN-Expertenforum Sustainable Finance. Mit capacura unterstützt sie Impact Startups in ihrer Innovationstätigkeit.
Strategie & Sustainable Leadership | Systemische Steuerung | Impact & Resilienz
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