Leadership

Sichtbar, aber erschöpft?

Wenn KI, Aktivismus und Algorithmen sich vermischen – und wir uns selbst verlieren

Santa Meyer-Nandi mit Dr. Anna Katharina Meyer

Wir engagieren uns für Nachhaltigkeit, für soziale Gerechtigkeit, für echte Transformation. Und oft merken wir gar nicht, wie sehr wir dabei selbst in Systemlogiken hineingezogen werden, die wir eigentlich hinterfragen wollten.

In den letzten Monaten haben Anna und ich viel über einen seltsamen Zustand gesprochen, den wir immer häufiger beobachten: eine algorithmisch gefütterte Erschöpfung.
Nicht, weil wir nicht mehr an die Sache glauben. Sondern weil wir das Gefühl haben, dass die Art, wie wir sichtbar sein müssen, um gehört zu werden, uns langsam verformt.

Zwischen Haltung & Hashtags

Wir Nachhaltigkeitsprofis sind längst nicht mehr nur inhaltlich gefragt – wir sind sichtbar. Auf Panels, in Gremien, auf LinkedIn, in Podcasts, auf Events. Und dazwischen: Posts. Reels. Kommentare.

Wir wissen, wie wichtig Sichtbarkeit ist – besonders für Themen, die sonst untergehen würden.
Aber wir spüren auch, wie viel unsichtbare Energie es kostet, präsent zu bleiben.
Wie oft wir überlegen:

  • Funktioniert das Thema in diesem Format?

  • Sollten wir einen provokanteren Titel wählen?

  • Reicht Tiefe noch aus – oder braucht es Tempo?

Wir erleben einen Widerspruch: Wir wollen zu einer gerechteren Welt beitragen – und bedienen gleichzeitig Plattformen, die vor allem auf Reichweite und Aktivierungsraten ausgerichtet sind.
KI trifft Haltung. Algorithmus trifft Haltungsschmerz.

KI prägt längst, wie wir uns zeigen

Ob wir es wollen oder nicht – wir bewegen uns in Systemen, die durch künstliche Intelligenz mitsteuern, was sichtbar wird und was nicht.

Selbst in LinkedIn-Posts sehen wir es:

  • Tiefe Reflexionen verschwinden im Stream.

  • Statements mit Schlagworten performen.

  • Emotionale Zwischenräume? Schwierig zu „ranken“.

Und plötzlich merken wir: Auch wir passen uns an.
Unbewusst. Subtil. Strategisch.
Wir schreiben anders, denken in Formaten, bauen Inhalte algorithmisch mit – obwohl wir das gar nicht wollten.

Das Fatale: Es geschieht oft aus einem guten Impuls heraus.
Wir wollen ja, dass unsere Arbeit gesehen wird.
Wir hoffen, dass mehr Menschen ins Nachdenken kommen.
Und trotzdem fragen wir uns:
Wem dienen wir gerade wirklich?

Müdigkeit durch Anpassung

Diese Form der Erschöpfung ist schwer greifbar.
Sie ist kein klassischer Burnout. Sie zeigt sich eher in Fragmentierung, innerem Unfrieden, in der kleinen Stimme, die fragt:
Bin ich gerade noch ich?

Was wir beobachten – bei uns und in vielen anderen changemaker circles:

  • Eine Unklarheit, wofür man gerade sichtbar ist – Expertise oder Erwartung?

  • Ein wachsender Druck, aktuell, relevant und KI-bewusst zu kommunizieren.

  • Eine versteckte Scham, wenn man spürt: Ich mache mit. Obwohl ich kritisch bin.

Und: Viele, die sich lange gehalten haben, ziehen sich leise zurück – nicht, weil sie weniger engagiert sind. Sondern weil sie nicht mehr wissen, wie sie sichtbar sein können, ohne sich selbst zu verlieren.

Und jetzt?

...

Wir schreiben diesen Text nicht als Einladung zur kollektiven Ehrlichkeit.
Vielleicht ist es an der Zeit, als Nachhaltigkeitsbewegung auch über unser digitales Selbstverhältnis zu sprechen.

  • Was bedeutet digitale Integrität in Zeiten von KI und Sichtbarkeitsdruck?

  • Wie wollen wir uns zeigen, ohne permanent getaktet zu sein?

  • Und wie können wir Räume halten, die nicht dem Algorithmus gehören – sondern der Wahrheit?

Unser Wunsch

...

Wir wünschen uns mehr Räume, in denen man auch sichtbar sein darf, wenn man leise ist.
Mehr Mut zu Unschärfe und langsamerem Denken.
Und mehr Systemverständnis, das nicht nur auf das „Außen“ schaut – sondern uns selbst als Teil davon begreift.

Denn Nachhaltigkeit beginnt auch damit, nicht zu funktionieren müssen.
Und mit der Frage:
Wie bleibe ich in Resonanz – mit mir, mit anderen, mit dem, was wirklich zählt?

Wie immer, in Vorfreude auf Interaktion mit euch,

Eure Santa mit Anna

Autorin

Santa Meyer-Nandi

Mit-Gründerin

Santa ist internationale Umweltjuristin, Leadership-Coach und Mitgründerin von FindingSustainia. Als Vorstandsmitglied des Climate Innovation Fund Stuttgart gestaltet sie systemische Strategien für skalierbare, regenerative Lösungen mit.

Ihre Arbeit verbindet Klimapolitik, emotionale Intelligenz und zyklisches Leadership, um Wandelträger:innen und Institutionen langfristig wirksam zu halten – auch inmitten von Komplexität und Krisen.

Unter dem Ansatz Be the System Shift™ begleitet sie gemeinsam mit Dr. Anna Katharina Meyer Programme, die Transformation auf individueller und systemischer Ebene ermöglichen – unter anderem mit Fortune-500-Unternehmen, der ESSEC Business School sowie Netzwerken des Club of Rome und SchuleWirtschaft.

Co-Autorin

Dr. Anna Katharina Meyer

Mit-Gründerin von FindingSustainia

Mit FindingSustainia steigert Anna die Wirksamkeit von Führungskräften in der nachhaltigen Transformation – durch starke Netzwerke, kollaborative Lösungsräume, Podcast-Impulse und Mastermind-Formate.
Anna ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Mitglied im DIN-Expertenforum Sustainable Finance. Mit capacura unterstützt sie Impact Startups in ihrer Innovationstätigkeit.
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