Warum wir Wandel nur gestalten, wenn wir verstehen, was wir gewinnen können. Unser Buch des Monats (Maja Göpel, 2025)

Werte. Ein Kompass für die Zukunft

Jede Seite dieses Buches habe ich verschlungen. Und allzu oft gedacht: genau, genau, genau! 

Maja Göpel begeistert mich schon lange, wir sind über den Club of Rome verbunden und wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir Zukunft gestalten.
Ich liebe es, mit welcher Klarheit Maja ihre Gedanken in die Öffentlichkeit trägt. Immer mit der Bereitschaft, sich in politische Debatten einzubringen und ihre Perspektiven dort zu erläutern, wo es komplex wird und unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen.

Für mich braucht es genau das aktuell – und noch viel mehr Menschen wie Maja!


Warum wir oft nicht ins Handeln kommen

Ein zentraler Gedanke des Buches liegt in der Beschreibung der pluralistischen Ignoranz. Einem Begriff, den ich vorher noch nicht kannte. Viele Menschen wünschen sich Veränderung, gehen jedoch davon aus, dass ihr Umfeld dazu noch nicht bereit ist. Aus dieser Annahme entsteht Zurückhaltung, die sich in der Summe stabilisierend auf den Status quo auswirkt. Was für eine präzise Beschreibung dessen, was wir alle tagtäglich erleben. 

Schnell kommt Maja zum Gegenmittel: der pluralistischen Relevanz!
In dem Moment, in dem sichtbar wird, dass andere ebenfalls gestalten möchten, verändert sich die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen. Aus vorsichtiger Anpassung wird gemeinsames Handeln, und aus individuellen Positionen entsteht eine kollektive Bewegung. Yeahy!


Kohärenz als Grundlage für gelingenden Wandel

Diese Dynamik verweist auf eine tiefere Ebene, die für Transformationsprozesse entscheidend ist. Menschen handeln eingebettet in soziale Kontexte, in Resonanz mit anderen und getragen von dem, was sie als sinnvoll erleben.

Kohärenzerfahrungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie entstehen dort, wo Zusammenhänge verständlich werden, wo Handlungsmöglichkeiten erlebbar sind und wo das eigene Tun in einen größeren Kontext eingebettet erscheint.

Diese Form von Sinnstiftung verleiht Wandel eine andere Qualität.

Engagement entsteht aus innerer Stimmigkeit heraus und entwickelt dadurch eine Stabilität, die über kurzfristige Motivation hinausgeht.

Der Gedanke von Bruce Mau bringt diese Verbindung von Haltung und Gestaltung prägnant auf den Punkt: “Once you start caring, you start designing.” In dem Moment, in dem etwas Bedeutung gewinnt, beginnt aktive Gestaltung.

Genau das lehrte uns doch auch schon der kleine Prinz, oder?
“Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.” oder „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.”
So beschreibe ich es jedenfalls auch in meinen eigenen Vorträgen, in denen es um gute Entscheidungsfindung, Verantwortung und Rechenschaft geht. Und darum, das Wesentliche richtig zu bewerten. 


Wohlstand als gestaltbare Größe

Besonders eindrücklich zeigt das Buch, wie sehr auch der Begriff des Wohlstands selbst einem historischen Wandel unterliegt. Bereits Alfred Müller-Armack verstand Wirtschaft als ein soziales Gefüge, dessen Grundmelodie sich in den Umgangsformen einer Gesellschaft ausdrückt. Wohlstand erscheint in diesem Verständnis als Ergebnis eines fortlaufenden Aushandlungsprozesses zwischen Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Eigenverantwortung.

In der Gegenwart wird deutlich, dass diese Aushandlung erneut ansteht. Die dominierenden Kennzahlen bilden wesentliche Aspekte unseres Wirtschaftens ab, lassen jedoch zentrale Dimensionen unberücksichtigt. Finanzielle Größen liefern Orientierung, erfassen jedoch weder ökologische Grenzen noch soziale Stabilität in ihrer vollen Tragweite. Daraus entsteht ein verkürztes Bild von Wohlstand, das langfristige Entwicklungen nur unzureichend abbildet.


Das Truthahn-Paradox und die Grenzen unserer Wahrnehmung

Ein anschauliches Bild für diese Problematik bietet das sogenannte Truthahn-Paradox, beschrieben von Nassim Nicholas Taleb. Der Truthahn, der täglich gefüttert wird, entwickelt auf Grundlage seiner Erfahrungen eine stabile Erwartung über die Zukunft. Die zugrunde liegenden Bedingungen bleiben dabei unreflektiert, bis ein Ereignis eintritt, das außerhalb dieser Erwartungslogik liegt. Thanksgiving lässt grüßen. 

Übertragen auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme zeigt sich hier eine strukturelle Herausforderung. Trends werden fortgeschrieben, während die Voraussetzungen, die sie ermöglichen, zu wenig Beachtung finden. Naturkapital, soziale Stabilität und gesundheitliche Grundlagen erscheinen implizit als verfügbar und werden nicht ausreichend mit einbezogen und geschütuzt, obwohl sie die eigentliche Basis für wirtschaftliches Handeln bilden. Hier auch der Verweis auf das Buch, das ich mit Markus H.P. Müller geschrieben habe und das diesen Zusammenhang in aller Tiefe beschreibt: Natur als Kapital (https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-49415-5)


Wenn ökonomische Logiken verzerren

Auf diesen Überlegungen aufbauend beschreibt Maja sehr schön die Unterscheidung zwischen Wertschöpfung und Schadschöpfung. Wirtschaftliche Aktivitäten generieren nicht ausschließlich positiven Nutzen, sondern können zugleich ökologische und soziale Kosten verursachen, die in bestehenden Systemen nur unvollständig berücksichtigt werden.

Da diese Kosten häufig keinen adäquaten Preis erhalten, entstehen verzerrte Signale. Aktivitäten, die langfristig zu Belastungen führen, erscheinen kurzfristig als erfolgreich, während nachhaltige Alternativen strukturell benachteiligt bleiben. Die Folge liegt in einer Verschiebung von Entscheidungsgrundlagen, die sich auf Märkte ebenso auswirkt wie auf politische Prozesse.


Politikdesign und die Frage nach Wirkung

Diese Verzerrung zeigt sich besonders deutlich in der Art und Weise, wie politische Maßnahmen bewertet werden. Der Fokus auf den Erfüllungsaufwand (eine Kenngröße, die in bürokratischen Kontexten tatsächlich an einigen Stellen gemessen wird… wieder was gelernt) prägt die Wahrnehmung von Regulierung und Transformation. Die positiven Effekte, die aus politischen Entscheidungen entstehen können, erhalten hingegen deutlich weniger Aufmerksamkeit. Wenn also schon mit Kenngrößen gearbeitet wird, warum dann nicht auch im positiven Sinne?

Neben administrativen und finanziellen Aufwänden sollten außerdem Umwelt-, Gesundheits- und Sozialwirkungen systematisch erfasst und kommuniziert werden. Erst durch eine solche umfassendere Betrachtung entsteht ein realistisches Bild der tatsächlichen Effekte politischer Entscheidungen.


Konkrete Hebel für eine andere Steuerungslogik

Aus dieser Analyse lassen sich mehrere Ansatzpunkte ableiten, die eine veränderte Steuerungslogik unterstützen können:

  • Bepreisung negativer Externalitäten
    Durch ökologische und soziale Lenkungssteuern lassen sich Kosten sichtbar machen, die bislang außerhalb ökonomischer Kalkulationen liegen.

  • Rückführung an die Gesellschaft
    Ein transparenter und leicht administrierbarer Mechanismus zur Rückverteilung stärkt die Akzeptanz und verbindet individuelle Handlung mit systemischer Wirkung.

  • Erweiterte Wirkungsmessung politischer Maßnahmen
    Die systematische Erfassung von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialnutzen ergänzt die Betrachtung von Aufwand um eine entscheidende Dimension.

  • Ganzheitliche Bilanzierung von Investitionen
    Private und öffentliche Investitionen gewinnen an Aussagekraft, wenn sie neben finanziellen auch ökologische und soziale Wirkungen berücksichtigen.

Initiativen wie das Network for Greening the Financial System verdeutlichen, dass sich entsprechende Ansätze bereits entwickeln und zunehmend an Bedeutung gewinnen.


Der entscheidende Perspektivwechsel

Am Ende führt das Buch zu einer Einsicht, die in ihrer Klarheit weitreichend ist. Menschen bringen sich ein, wenn sie erkennen können, welche positiven Perspektiven mit Veränderung verbunden sind.

Transformation entfaltet dann eine andere Qualität, wenn sie mit einem klaren Bild dessen verbunden ist, was entsteht: an Lebensqualität, an Stabilität, an Sinn. In diesem Moment verändert sich die Wahrnehmung von Wandel grundlegend, und aus Anpassung wird Gestaltung.

Gestaltung sollte angelehnt sein an einer Wert-Orientierung. Und diese sollte viel stärker zur Grundlage unserer politischen und unternehmerischen Instrumente werden als bisher. 

Damit erweitert Majas Buch unseren Blick auf Transformation und eröffnet einen Raum, in dem Zukunft als gemeinsames, logisches Projekt gedacht werden kann.


Steuern, was wirklich zählt

In der Zusammenschau verdichtet sich daraus eine übergeordnete Fragestellung, die weit über einzelne Instrumente hinausweist. Es geht um die Fähigkeit, das zu steuern, was für die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften tatsächlich relevant ist. Aus keinem anderen Grund habe ich am Lehrstuhl für Accounting und Controlling promoviert. Wir sollten unsere Systeme (unternehmerisch und politisch) so auslegen, dass wir steuern, was wirklich zählt. 

Damit verbunden ist eine Verschiebung in der Denkweise: von der Fokussierung auf Kennzahlen hin zu einer Orientierung an Verantwortung, von der Betrachtung von Output hin zu einer Bewertung von Wirkung, von isolierten Bewertungen hin zu einem Verständnis von Rechenschaft im umfassenderen Sinne. Hier weiche ich ein wenig ab von der reinen Buchvorstellung… so hat es Maja nicht geschrieben, aber so würde ich ihr Buch weiterdenken wollen. 

Und so prägen wir zunehmend auch die Art und Weise, wie über Führung, Transformation und politische Gestaltung gesprochen wird.


Autorin

Dr. Anna Katharina Meyer

Mit-Gründerin von FindingSustainia

Mit FindingSustainia steigert Anna die Wirksamkeit von Führungskräften in der nachhaltigen Transformation – durch starke Netzwerke, kollaborative Lösungsräume, Podcast-Impulse und Mastermind-Formate.
Anna ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Mitglied im DIN-Expertenforum Sustainable Finance. Mit capacura unterstützt sie Impact Startups in ihrer Innovationstätigkeit.
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