Eine aktuelle Studie von The Rithm Project liefert eine der differenzierteren Perspektiven darauf, wie junge Menschen heute mit künstlicher Intelligenz umgehen. Auf Basis einer Befragung von über 2.300 Teilnehmenden im Alter von 13 bis 24 Jahren verlässt sie die übliche Gegenüberstellung von Chancen und Risiken und untersucht stattdessen das Zusammenspiel zwischen KI-Nutzung und der Qualität sozialer Beziehungen. Die leitende Frage der Studie ist zugleich einfach und weitreichend: In welchem Maße prägen Beziehungen die Art und Weise, wie junge Menschen KI nutzen, und in welchem Maße beginnt KI, diese Beziehungen selbst zu verändern? Die Antwort fällt wenig überraschend und zugleich bemerkenswert aus: Beide Dynamiken sind bereits eng miteinander verflochten.
Die Studie identifiziert vier unterschiedliche Muster der KI-Nutzung.
Eine erste Gruppe, etwa 28 Prozent der Befragten, nutzt KI selten oder gar nicht. Entgegen einer naheliegenden Annahme handelt es sich hierbei nicht um eine besonders geschützte oder resilientere Gruppe. Im Gegenteil berichten diese jungen Menschen von den höchsten Werten in Bezug auf Einsamkeit, Angst und soziale Isolation. Nicht-Nutzung ist in diesem Kontext weniger Ausdruck einer bewussten Entscheidung als vielmehr ein Hinweis auf fehlenden Zugang, mangelnde Orientierung oder fragile soziale Umfelder.
Die größte Gruppe, rund 39 Prozent, nutzt KI vor allem funktional. Sie setzen sie für Informationen, Lernen und Aufgabenbewältigung ein. Diese Gruppe weist die stabilsten sozialen Beziehungen und die besten Werte im Hinblick auf Wohlbefinden auf. Entscheidend ist, dass hier eine klare Grenze bestehen bleibt: KI wird als Werkzeug genutzt, während zwischenmenschliche Beziehungen der primäre Raum für emotionalen Austausch bleiben.
Eine dritte Gruppe, etwa 18 Prozent, nutzt KI für persönliche und relationale Unterstützung. KI wird hier Teil der Verarbeitung von Emotionen und der Navigation sozialer Situationen. Diese jungen Menschen sind nicht isoliert, berichten jedoch häufiger von Unsicherheit in ihren Beziehungen und erhöhten Angstwerten. KI fungiert als zusätzlicher, teilweise leichter zugänglicher Kanal im Umgang mit komplexen Gefühlen.
Eine vierte Gruppe, rund 15 Prozent, interagiert mit KI in stärker personifizierten Formen, etwa über Charaktere oder simulierte Gegenüber. In dieser Form der Nutzung rückt KI am nächsten an die Beziehungsebene heran und weist entsprechend das höchste potenzielle Risiko auf.
Über alle Gruppen hinweg zeigt sich ein Muster mit besonderer Klarheit:
KI-Nutzung lässt sich nicht losgelöst von den relationalen Kontexten verstehen, in denen junge Menschen eingebettet sind.
Je stabiler und tragfähiger diese Kontexte sind, desto eher bleibt KI ein Werkzeug.
Je fragiler sie sind, desto eher übernimmt KI relationale Funktionen.
Aus dieser Analyse ergibt sich kein einfaches Bild von technologischem Nutzen oder Schaden. Vielmehr verweist die Studie auf eine strukturelle Dynamik, die in aktuellen Debatten häufig übersehen wird.
KI erzeugt keine isolierten Risiken.
Sie wirkt auf bestehende Bedingungen ein und verstärkt diese.
Besonders deutlich wird dies in einer zentralen Erkenntnis der Studie:
Je intimer die Nutzung von KI wird, desto größer sind die damit verbundenen Risiken. Diese Risiken entstehen nicht allein durch die Technologie selbst, sondern durch die Rolle, die sie einnimmt, sobald sie in Bereiche vordringt, die bislang durch menschliche Beziehungen geprägt waren.
Gleichzeitig zeigt die Studie einen zweiten, ebenso relevanten Aspekt:
Junge Menschen bewegen sich in diesem Feld weitgehend allein. Orientierung und Begleitung durch Erwachsene, sei es im familiären oder institutionellen Kontext, sind bislang nur begrenzt vorhanden. Die Verantwortung für den Umgang mit KI liegt damit häufig bei Individuen, die sich selbst noch in zentralen Entwicklungsprozessen befinden.
Aus der Perspektive des internationalen Rechts ist diese Konstellation nicht neu. Sie erinnert an Situationen, in denen das Vorsorgeprinzip zur Anwendung kommt.
Das Vorsorgeprinzip adressiert Kontexte, in denen potenzielle Auswirkungen erheblich sind, Kausalzusammenhänge komplex bleiben und ein Abwarten auf vollständige Evidenz zu spät käme. Es richtet sich nicht gegen Innovation, sondern auf die frühzeitige Gestaltung der Bedingungen, unter denen sie stattfindet.
Übertragen auf die Ergebnisse dieser Studie verschiebt sich damit die Fragestellung.
Es geht nicht primär darum, ob junge Menschen KI nutzen sollten.
Ihre Präsenz im Alltag ist bereits Realität.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr, unter welchen Bedingungen KI die menschliche Entwicklung unterstützt und unter welchen Bedingungen sie beginnt, zentrale Elemente zwischenmenschlicher Verbindung zu ersetzen.
Die Daten legen nahe, dass nicht die Intensität der Nutzung allein ausschlaggebend ist.
Entscheidend ist die Qualität des relationalen Umfelds.
Junge Menschen, die sich gesehen, sicher und getragen fühlen, zeigen deutlich geringere Tendenzen zu risikobehafteten Formen der KI-Nutzung.
Damit verschiebt sich Verantwortung über individuelles Verhalten hinaus.
Sie betrifft die Gestaltung sozialer, bildungsbezogener und institutioneller Kontexte, in denen junge Menschen KI begegnen.
Aktuell zeigt sich hier eine deutliche Lücke:
Die technologischen Möglichkeiten entwickeln sich schneller als die Strukturen, die eine verantwortungsvolle Integration ermöglichen. Verantwortung wird individualisiert, während die entsprechenden Rahmenbedingungen noch unzureichend ausgeprägt sind.
Die Studie legt nicht nahe, dass KI menschliche Beziehungen kurzfristig ersetzt. Sie zeigt jedoch den Beginn einer schleichenden Verschiebung.
Wo KI jederzeit verfügbar ist, nicht bewertet und niedrigschwellig reagiert, kann sie zunehmend attraktiver werden als zwischenmenschliche Beziehungen, die als komplex, fordernd oder unsicher erlebt werden.
Langfristig betrifft dies nicht nur Verhalten, sondern auch Erwartungen.
Erwartungen an Verfügbarkeit, an emotionale Sicherheit, an das Gefühl, verstanden zu werden.
Aus Governance-Perspektive handelt es sich genau um jene Entwicklung, die frühzeitig Aufmerksamkeit erfordert. Die vorsorgende Frage lautet daher nicht, ob Nutzung erlaubt oder eingeschränkt werden sollte, sondern wie die Bedingungen gestaltet werden können, unter denen diese Nutzung stattfindet und tragfähige Formen menschlicher Verbindung erhalten bleiben.
Derzeit ist diese Frage noch unzureichend beantwortet.
Und genau darin liegt, mehr als in der Technologie selbst, die eigentliche Herausforderung.
Autorin
Mit-Gründerin
Santa ist internationale Umweltjuristin, Leadership-Coach und Mitgründerin von FindingSustainia. Als Mitglied des Climate Innovation Fund Stuttgart gestaltet sie systemische Strategien für skalierbare, regenerative Lösungen mit.
Ihre Arbeit verbindet Klimapolitik, emotionale Intelligenz und zyklisches Leadership, um Wandelträger:innen und Institutionen langfristig wirksam zu halten – auch inmitten von Komplexität und Krisen.
Unter dem Ansatz Be the System Shift™ begleitet sie gemeinsam mit Dr. Anna Katharina Meyer Programme, die Transformation auf individueller und systemischer Ebene ermöglichen – unter anderem mit Fortune-500-Unternehmen, der ESSEC Business School sowie Netzwerken des Club of Rome und SchuleWirtschaft.